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«ICH BIN ZÄHER ALS ANDERE.»
OCCASIONS-VERTRIEBSLEITER UND EX-RADPROFI HANSKURT «HAUSI» BRAND IM BEWEGENDEN INTERVIEW.

Bauernsohn Hanskurt «Hausi» Brand erlebte eine Kindheit voller körperlicher Arbeit. Die harte Lebensschule habe ihm zu seiner erfolgreichen Radrenn-Karriere verholfen, ist der ehemalige Europameister überzeugt. Heute leitet der frühere Profisportler den Occasions-Vertrieb der gesamten Binelli Group.

Interview: Anna Maier
Foto: Dan Cermak

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Wie fing es mit deiner Sportkarriere an?

Hausi Brand: Ganz merkwürdig. Ein Kollege nahm mich mit an ein Bergrennen. Er sagte: «Du bist so dünn, das ist etwas für dich!» So organisierte ich mir ein Rennrad, fuhr den Berg rauf und gewann. Ich war 21. Das war das erste Mal überhaupt, dass ich «richtig» Fahrrad fuhr (lacht).

Wie ging es weiter?

Ich fuhr mein nächstes Rennen – und wurde Zweiter. Da sagte mir mein Kollege, jetzt müsse ich trainieren, ich solle mit ihm Runden fahren. Wir fuhren also über den Col du Pillon VD (12km, 1546m Höhe), den Col des Mosses VD (45km, 1445m Höhe), all die wichtigen Pässe. Aber aus Freude, nicht aus Ehrgeiz. Erst mit 23 Jahren löste ich eine Lizenz. Ich ging das erste Mal an einen Start bei den Amateuren und wurde gleich komplett abgehängt.

Was kamen da bei dir für Gefühle auf?

Es war hart. Vor allem für meinen Ehrgeiz war es eine totale Ernüchterung. Danach trainierte ich viel. Mehr als alle anderen. Wenn die anderen vier Stunden fuhren, radelte ich sechs. Machten die andern 150km, waren es bei mir 200. Ich fing mit 23 Jahren viel zu spät an. Meine Muskulatur war weniger ausgeprägt als bei den andern. Und die Grundkondition fehlte mir. Ab diesem Tiefpunkt begann ich, meinen Körper systematisch aufzubauen.

Was geht in einem vor, wenn man 150km abfährt?

Du bist die ganze Zeit allein mit dir und deinen Gedanken. Da studierst du acht bis neun Stunden. Über das Leben, über die Eltern, wie hart diese es hatten. Mein Vater starb früh, als ich 30 war. Das Leben hatte ihn stark geprägt.

Wie war das für dich, als dein Vater starb?

Ich war in meinem Radsport drin. Aber für meinen jüngeren Bruder war es einschneidend. Es war schon in seiner Jugend klar, dass er nach dem Tod meines Vaters den Hof übernehmen wird. Papa sagte zu mir: «Du bist zu schwach.» So musste mein Bruder die entsprechenden Ausbildungen machen, da gab es kein Wenn und Aber. Er wollte Koch werden. Aber das ging nicht.

Da hattest du die freiere Entscheidung.

Ja, ich hatte es besser, Dank meiner schmächtigen Statur. Obwohl ich als Bub damit haderte, verhalf sie mir später zu einem freieren Leben.

Wie war das für dich, dass dein jüngerer Bruder stärker war und sozusagen «über dich hinauswuchs»?

Ich war eingeschüchtert. Gab es mal ein Gerangel, hatte ich keine Chance. Allerdings war ich dank meiner Schmächtigkeit der Erste der Familie, der sich seinen Job selber aussuchen durfte. Ich entschied mich für Automechaniker.

Warum wolltest du Automechaniker werden?

Ein Auto empfand ich als Symbol der Freiheit. Ich durfte zwar als Bauernkind schon mit 14 Jahren Traktor fahren. Da aber mein Bruder der Stärkere war, übernahm er das stets und ich musste hinten den Rechen nachziehen.

Wie empfindest du deine Kindheit rückblickend?

Das ist ein wunder Punkt, welchen ich mit dem Sport überwinden konnte. Meine Kindheit war nicht schön. Ich konnte selten einfach Kind sein, sondern musste schon früh mit anpacken. Wir wurden während den Ferien auf andere Bauernhöfe geschickt, um zu arbeiten und zu helfen, die Familie durchzubringen. Das war hart, vor allem für mich als feingliedrigen Jungen. Musste ich Heuballen schleppen, sah man nur noch zwei staksige Beinchen unten hervorschauen.

Hast du deinen Eltern oder dem Leben verziehen, dass du eine harte Kindheit erleben musstest?

Wie soll ich das sagen? Erst vor 15, 20 Jahren konnte ich das. Als ich für mich merkte, dass wir es im Vergleich zu meinem Vater gut hatten, und heute sogar sehr gut, auch dank der strengen Erziehung. Da ich selber sehr hart mit mir war, kam ich viel weiter und wurde zäher als andere, welche nie kämpfen mussten. Bei uns hiess es: «Du musst!».

Wir haben gespurt, sonst gab es Schläge. Nicht, dass ich diese Art der Erziehung verteidigen möchte, doch ich kann die Situation heute differenzierter sehen. Das war für mich wichtig in der Verarbeitung. Auf dem Rad gab es so viele Momente, die ich nur wegen meines Willens und einer gewissen Härte mir selber gegenüber überhaupt durchstand. Die Lebensschule, die ich absolvierte durch meine Erziehung und den Sport, sehe ich heute als Fundament für meine Widerstandskraft.

Auch im Radsport warst du einer strengen Struktur unterworfen.

Ja. Ich war im gleichen Team wie Alex Zülle (CH), Jan Ullrich (DE), Fernando Escartín (ESP). Die oberste Liga. Ich war ihr Wasserträger.

Was macht ein Wasserträger genau?

Du gibst den Leadern die Trinkflasche, du radelst mit ihnen mit, fährst zurück zum Mannschaftsauto, holst Verpflegung, Kleider, was auch immer.

Du warst als Wasserträger im Einsatz während deiner Zeit als Profi?

Ja. Aber diese Funktion ist wichtig. Kein Einziger, auch kein Jan Ullrich oder kein Lance Armstrong (USA), hätte ohne Helfer je gewinnen können. Man muss sich auf die Etappen konzentrieren, geht in die Attacke, kann nicht selber nach hinten das Trinken holen und danach wieder an die Spitze zurück. Du brauchst das Team.

 

«Du musst irgendwann abschliessen und weitergehen.» - Hanskurt «Hausi» Brand

 

Wie fühlt es sich an als Profi, wenn du dich so unterordnen musst?

Ich wollte mich nie in der Rolle des Leaders sehen. Diese Verantwortung ist riesig. Du startest mit einem 35-Millionen-Team an einem Rennen und musst den Sieg einfahren, da hängt alles dran. Da musst du sehr ehrlich mit dir sein und wissen, ob du diese Leistung bringen kannst. Ob du – mental und körperlich – so stark bist, eine Tour de France oder ein anderes hoch dotiertes Rennen zu gewinnen.

Der Druck, auch von den Sponsoren, ist so hoch, dass ich dies nie suchte. Und trotzdem musste ich diese Rolle plötzlich ausfüllen, als ich Europameister wurde. Ich war der Stärkste während der ganzen Saison, hatte fast alle Stehrennen gewonnen, und dann bestimmte der Radsportverband, dass die Schweiz an die Europameisterschaften geht. Mit mir als Leader, die andern mussten also für mich fahren. Ich ging an den Start. Und ich wusste, dass ich gewinnen muss, sonst wären meine drei Teamkollegen für nichts gefahren. Die waren alle auch gut, aber mussten sich bei diesem Rennen mir unterordnen. Dieser Druck ist enorm.

Aber du hast gewonnen.

Ja, aber von dieser Stunde fuhr ich während 58 Minuten mit einem Puls von über 206 herum, voll am Limit. Ich brauche zwar den Druck, auch heute in meinem Leben. Aber wenn sich andere für mich opfern, ihr eigenes Potential wegen mir nicht ausschöpfen dürfen, und ich bringe die Leistung nicht, dann krieg ich mit mir selbst ein Problem.

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Dann warst du Europameister, und machtest dir vermutlich Gedanken darüber, wie weit du als Sportler noch kommen könntest, oder?

Das war so. Ich hatte noch einen Zweijahres-Vertrag. Kurz nach dem Titel mussten wir alle Leistungstests machen. Die Resultate kamen, der Trainer wertete sie aus und dann wurde ich zitiert. Man sagte mir, alles was erlaubt sei, hätte man schon ausgereizt. Wenn ich weitere Top-Ziele erreichen wolle, müsse ich einiges mehr tun. Und dann fragte ich mich ernsthaft, ob ich mir dies antun wolle, diese Grauzone beschreiten. Ich war zudem auch schon 35. Will ich das oder will ich es lieber sein lassen? Ich zerriss den Vertrag und hörte von heute auf Morgen auf.

Du warst Profisportler, hast ständig Adrenalin ausgeschüttet, bist um die Welt gereist, auf Tribünen gestanden, wurdest bejubelt, erhieltest Wertschätzung – und plötzlich fällt das alles weg. Wie war das für dich?

Ich habe es nicht bereut. Weil ich wusste, dass ich auf meinem Zenit angekommen war. Im letzten Jahr meiner Radsport-Karriere sass ich 31’000km im Sattel für Trainings. Das macht müde, auch mental. Du bist ständig dran zu suchen, wo noch ein Quäntchen mehr geht. Die Zitrone war ausgepresst. Es war für mich eine Art Erlösung, als es fertig war.

Du hast dich nicht mehr frei gefühlt?

Nein, ich hatte ständig Verpflichtungen. Flog hierhin und dorthin. Einmal gings nach Montréal an ein Rennen, und kaum war ich zurück in der Schweiz, hiess es umpacken und den nächsten Flieger besteigen für die Japan-Rundfahrt. Es war schön, top, die beste Lebensschule. Aber mit 35 musste ich einfach sagen, jetzt ist auch mal gut.

Wie reagierten deine Eltern auf deinen Weg vom einfachen Bauernsohn zum gefeierten Europameister?

Sie waren sehr unterstützend. Anfangs nicht, weil sie wollten, dass ich «richtig arbeite». Aber als ich schnell an die Spitze fuhr, waren sie stolz. Vor allem, wenn es ab und zu einen kleinen Zeitungsartikel gab.

 

«Ich sehe heute, wie die strenge Erziehung mir im Leben geholfen hat.» - Hanskurt «Hausi» Brand

 

Du wirkst sehr bescheiden. Hast du dir selbst das Gefühl des Stolzes zugelassen?

Nicht unbedingt. In den Momenten selbst hatte ich schon Freude. Die Europameisterschaft zum Beispiel war speziell. Es war das 100-Jährige der Radrennbahn Forst, weit oben, fast an der polnischen Grenze. Da gab es einen Lokalmatador, Carsten Podlesch, x-facher Weltmeister, und ich schlug ihn auf seiner Bahn.

Da gab es auch ein Buch dazu, das machte mich stolz. Aber gegen aussen möchte ich das gar nicht zeigen. Ich war bezahlt dafür, ich arbeitete, es war mein Beruf. Ich sah es als «normale Leistung».

Wenn du siehst, wie gross der Personenkult heute ist, was für Stargehälter die Profis haben, wie ist das für dich?

Ich finde es übertrieben. Es tut mir leid, wenn ich das so ehrlich sage, aber der Sportler ist ein Mensch, welcher eine Leistung bringt. Klar ist seine Profi-Zeit begrenzt und er versucht, das Beste aus sich rauszuholen, aber trotzdem sind diese hohen Gehälter von einer Million und mehr nie und nimmer gerechtfertigt.

Bist du dem Radsport noch verbunden?

Nein.

Du verfolgst auch keine Rennen mehr?

Ich schaue die Tour de France, ab und an. Aber nur die Zusammenfassungen, ich setz mich nicht mehr vier, fünf Stunden vor den Fernseher.

War das Teil deiner Verarbeitung?

Ja. Es war ein Lebensabschnitt, an welchen ich mich nicht klammern wollte. Die ganze Zeit, welche ich jahrelang investiert hatte, da kannst du nicht ständig darüber nachdenken. Du musst irgendwann abschliessen und weitergehen

Du hast als Profi aufgehört und nahtlos einen neuen Job in der Autobranche angenommen. Warum hast du dir dazwischen keine Zeit gegönnt? Warum hast du diesen radikalen Schnitt gemacht?

Ich hatte zwei, drei Kollegen, welche die Zeit nach der Karriere ein Jahr lang ausklingen liessen. Sie stürzten komplett ab.

Inwiefern?

Der eine betäubte sich mit Drogen und sein Leben entglitt ihm völlig, auch ein anderer nahm jahrelang verbotene Substanzen, verübte einen Suizidversuch und verstarb kurz darauf. Du bist auch nach der Aktivzeit noch voller Adrenalin und das Training fehlt. Für mich war klar: Ich musste von einem Extrem ins andere. Zu lange überlegen bringt nichts. Ich musste mich ablenken.

Du hast in der Mitte des Lebens einen radikalen Umbruch erlebt. Wie schwierig war es, dir nach der Sportkarriere einen neuen Lebensinhalt zu geben?

Ich vollzog einen kompletten Wechsel in ein neues Leben. Ich kam aus Berlin, stellte zuhause meinen Koffer ab, duschte, ging schlafen und am nächsten Tag begann ich bei Fiat, einem meiner langjährigen Sponsoren. Ich stand im Showroom und dachte: Was mache ich hier? Aber ich wusste, dass dies jetzt mein neues Leben sein würde.

Es war wie Tag und Nacht. Vorher der durchdefinierte Tagesablauf: Du weisst, wann du trainierst, wann du isst, wann du massiert wirst, wann du schläfst. Und dann musst du deinem Tag selber eine Struktur geben. Ich brauchte dafür den ersten Monat. Nach sechs Wochen verkaufte ich mein erstes Auto. Und dann kam der Ehrgeiz. Viele Möglichkeiten hatte ich auch gar nicht.

Mit dem Radsport verdiente ich zwar, wurde aber nicht Millionär. Dann hast du plötzlich einen «richtigen Job» und bist dir bewusst, dass du dir damit nun etwas aufbauen musst.

 

«Ein Auto empfand ich schon immer als Symbol von Freiheit.» - Hanskurt «Hausi» Brand

 

Was hast du dir damals für ein Ziel gesetzt?

Ich sah, wie mein Kollege Autos verkaufte und wusste sofort: Ich will es besser machen. Er sagte ständig zu seinen Kunden: «Heute habe ich keine Zeit, komm morgen wieder!»

Du standest also auch abends und am Wochenende auf dem Platz?

Genau. Und so überholte ich meinen Kollegen im zweiten Jahr, weshalb ich im Hauptsitz in Turin wahrgenommen wurde, weil ich so viele Autos verkaufte. Man beförderte mich in eine leitende Funktion, überliess mir den Occassionsplatz in Genf. Ich mochte Titel aber nie, wollte immer nur, dass «Gebrauchtwagenverkäufer» auf meiner Visitenkarte stand.

Wie kamst du zu Binelli Group?

UL-Mitglied Roberto Casari holte mich aus der Westschweiz, in die ich während vier Jahren hin- und herpendelte. Am Montag fuhr ich jeweils um 4 Uhr los, um dort um 7 Uhr anzufangen, lebte in einem kleinen Hotel mit Etagendusche und WC.

Ich war damals als Direktor angestellt bei einem Betrieb, welcher auch BMW und MINI im Angebot hatte, aber wie schon erwähnt sind Titel für mich nicht von Bedeutung. Bei Binelli Group ist alles viel familiärer und gelassener, obwohl der Stressfaktor sehr hoch ist.

Fuhrst du nach deiner Sportlerkarriere noch Rad?

Während den ersten drei Monaten setzte ich mich nicht mehr aufs Fahrrad. Ich wollte nichts mehr davon wissen. Danach musste ich, denn mein Körper rebellierte. Durch das viele Training waren mein Herz und meine Lungen vergrössert. Da ich von einem Tag auf den andern nicht mehr trainierte, klappte ich im Showroom zusammen.

Eigentlich hättest du diese Reaktion deines Körpers als Profi kennen sollen, oder?

Ja, aber als Sportler denkst du sowieso, dass du alles besser weisst, was deinen Körper anbelangt. Aber es ist schon so: Du kannst den Körper nicht von einem Extrem ins andere fallen lassen.

Der Stoffwechsel funktionierte auch überhaupt nicht mehr. Ich musste meinen Körper entgiften, begann mein Herz abzutrainieren, meine Muskeln, das Lungenvolumen ging zurück. Dieses intensive Training mit ärztlicher Begleitung dauerte insgesamt zwei Jahre.

Gehst du heute behutsamer mit dir um?

Nein, ich kann das nicht. Ich bin tatsächlich sehr streng mit mir selber. Im Umgang mit Mitmenschen viel zu lieb. Aber mit mir gehe ich hart ins Gericht.

Warum?

(Überlegt lange) Das kann ich gar nicht sagen. Ich möchte nicht so werden wie mein Vater. Er war Alkoholiker und streng. Gegenüber meinen Arbeitskollegen möchte ich fair und loyal sein.

Manchmal bin ich dann aber zu weich. Dann nerve ich mich nach Feierabend jeweils, dass ich es bei anderen zulasse, wo ich bei mir so selbstkritisch bin.

Was hast du für ein Leben neben deinem Job?

Da kann ich mich kurzfassen: Ich beginne frühmorgens und arbeite bis am späteren Abend. Dann mache ich etwas Sport, lese und geh ins Bett.

Du hast kein Privatleben?

Nicht gross, nein.

Möchtest du auch nicht?

Doch, ich muss beginnen, es mir einzurichten. Ein Schritt, den ich mir zugestehen möchte.

Warum ist dies für dich so schwierig?

Ich war eigentlich immer zufrieden, wie es ist, habe nichts vermisst. Aber nun denke ich, dass es nicht mehr so lange geht, bis meine Zeit hier auf der Welt zu Ende geht. Und ich möchte nicht erst mit 70, 75 Jahren – falls ich dieses Alter überhaupt erreiche – zu leben beginnen.

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