Hanskurt Brand

Hanskurt «Hausi» Brand
Hanskurt «Hausi» Brand
Mitarbeiterportrait

«Ich bin zäher als andere, welche nie kämpfen mussten.»

Wegen seiner feingliedrigen Statur musste Hanskurt «Hausi» Brand seinen eigenen Weg suchen. Statt den elterlichen Bauernhof übernehmen zu können, fuhr er wie ein Besessener Rad, flog in die weite Welt hinaus und brachte Pokale und Preise nach Hause. Seit dem Ende seiner Profisportler-Karriere verkauft der Europameister mit derselben Leidenschaft Occassions-Autos. Für seine harte Kindheit findet er heute versöhnliche Worte.

Februar 2021 / Interview und Text: Anna Maier / Fotos: Lukas Schnurrenberger

 

Woher kommt der Name Hausi?

Hanskurt finde ich einen blöden Namen, zusammengebastelt, und er passt nicht zu mir. In der Schule sagten sie mir Hansi. Und ich antwortete: Nein, ein Kanarienvogel bin ich nicht. Und so wurde ich dann zum «Hausi».

Hast du Geschwister?

Ja, ich habe einen Bruder, welcher 18 Monate jünger ist und eine Schwester – eine Nachzüglerin, 5 Jahre jünger. Arnold und Annemarie.

War der geringe Altersunterschied zu deinem Bruder für dich Fluch oder Segen?

Der war schwierig. Vor allem, weil mein «kleiner Bruder» grösser und stämmiger war. Er kriegte neue Kleider und ich musste sie auftragen. Oder ich wollte ein «Töffli». Meine Eltern sagten: «Das geht nicht, wir haben dafür kein Geld.» Als ich dann irgendwann eines erhielt, bekam er gleichzeitig auch eins. Ich war eifersüchtig.
 

Wie empfandest du den Umstand, dass dein Bruder «über dich hinauswuchs»?

Ich war eingeschüchtert. Wenn es mal ein Gerangel gab, hatte ich keine Chance. Ich war deshalb zurückhaltend und hatte Respekt. Allerdings war ich Dank meiner Schmächtigkeit der Erste der Familie, der sich seinen Job selber aussuchen durfte. Mein Vater sagte zu mir: «Du bist zu schwach. Du kannst unseren Bauernhof nicht übernehmen.» Meinem Bruder wurde dieser übertragen, und ich durfte auswählen, was ich werden wollte. Ich wählte Automechaniker. Alle anderen waren Bauern oder Pöstler. Das war ein Novum in unserer Verwandtschaft.
 

Warum wolltest du Automechaniker werden?

Es war der einzige Beruf, welcher mich damals fasziniert hat. Ein Auto empfand ich als Symbol der Freiheit, weil es einem schnell überall hinbringen konnte. Ich durfte zwar als Bauernkind schon mit 14 Jahren Traktor fahren. Da aber mein Bruder der Stärkere war, übernahm er das stets und ich musste hinten den Rechen nachziehen.
 

Wie empfindest du rückblickend deine Kindheit?

Das ist ein wunder Punkt, welchen ich mit dem Sport überwinden konnte. Meine Kindheit empfand ich nicht als schön. Ich konnte selten einfach Kind sein, sondern musste schon früh mit anpacken. Wir wurden auch während der Ferien auf andere Bauernhöfe geschickt, um zu arbeiten und zu helfen, die Familie durchzubringen. Das war hart, vor allem für mich als schmächtigen Jungen. Musste ich Heuballen schleppen, sah man nur noch zwei staksige Beinchen unten hervorschauen.
 

Zogst du deshalb weit weg aus deiner Heimat Gstaad?

Nicht unbedingt. Ich sah, wie meine Eltern kämpfen mussten. Ich versuchte immer, ihnen etwas zurückzugeben, denn Dank ihnen gibt es mich hier auf dieser Welt. Als ich als Radsportprofi in Genf lebte oder in Deutschland, da zog es mich sogar wieder zurück. Ich fühlte mich häufig wurzellos.

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«Ich organisierte mir ein Rennrad, fuhr den Berg rauf und gewann.»

Wie fing es mit deiner Sportkarriere an?

Ganz komisch. Wirklich ganz merkwürdig. Ein Kollege nahm mich mit an ein Bergrennen. Er sagte: «Du bist so dünn, das ist etwas für dich!» So organisierte ich mir ein Rennrad, fuhr den Berg rauf und gewann. Ich war 21. Das war das erste Mal überhaupt, dass ich «richtig» Fahrrad fuhr (lacht).
 

Was hat das mit dir gemacht?

Ich fuhr mein nächstes Rennen. Und wurde Zweiter. Da sagte mir mein Kollege, jetzt müsse ich trainieren, ich solle mit ihm Runden fahren. Wir fuhren also über den Col du Pillon VD (12km, 1546m Höhe, max Steigung 9%), den Col des Mosses VD (45km, 1445 m Höhe, max Steigung 10%). All die wichtigen Pässe. Aber aus Freude, nicht aus Ehrgeiz. Erst mit 23 Jahren löste ich eine Lizenz. Ich ging das erste Mal an einen Start bei den Amateuren und wurde gleich komplett abgehängt.
 

Das war vermutlich ziemlich brutal für dich, da du vorher bei den Regionalrennen stets vorne raus gefahren warst?

Ja, das war es. Ich dachte mir: «Das kann doch nicht sein!» Aber dann kam mein Ehrgeiz. Es hatte mich bis dahin immer fasziniert, was du aus deinem Körper rausholen kannst, mit dem Training, mit der Ernährung. Ich merkte, dass ich diesbezüglich nirgends stand. Und bei diesem ersten Rennen in der Amateur-Liga erhielt ich die Rechnung. Nach 20km war ich bei den Letzten, nach 40km total abgehängt. Ich fuhr zwar noch ins Ziel, aber 20 Minuten später als der Vorletzte.

Was kamen da bei dir für Gefühle auf?

Es war hart. Vor allem für meinen Ehrgeiz war es eine totale Ernüchterung. Danach trainierte ich viel. Mehr als alle anderen. Wenn die andern vier Stunden fuhren, radelte ich sechs Stunden. Oder wenn die andern 150 Kilometer machten, waren es bei mir 200. Ich fing mit 23 Jahren viel zu spät an, um bei den Profis wirklich etwas erreichen zu können. Meine Muskulatur war viel weniger ausgeprägt als bei den andern. Und die Grundkondition fehlte mir. Ich ging vorher nie wirklich trainieren. Aber ab diesem Tiefpunkt begann ich, meinen Körper systematisch aufzubauen.
 

Was geht in einem vor, wenn man 150 Kilometer abfährt?

Du bist die ganze Zeit alleine mit dir und deinen Gedanken. Da studierst du acht bis neun Stunden. Über das Leben, über die Eltern, wie hart diese es hatten. Mein Vater starb auch früh, als ich 30 war. Das Leben hatte ihn schon stark geprägt.
 

Wie war das für dich als ältester Sohn, als dein Vater starb?

Ich war in meinem Radsport drin. Aber für meinen jüngeren Bruder war es einschneidend. Es war schon in seiner Jugend klar, dass er nach dem Tod meines Vaters den Hof übernehmen wird. Er musste die entsprechenden Ausbildungen machen, da gab es kein Wenn und Aber. Er wollte Koch werden. Aber das ging nicht.
 

Da hattest du die freiere Entscheidung.

Ja, ich hatte es besser. Obwohl ich als Bub mit meiner Schmächtigkeit haderte, verhalf sie mir später zu einem freieren Leben.

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«Ich sehe heute, wie die strenge Erziehung mir im Leben geholfen hat.»

Du hast vorher erzählt, wie hart deine Kindheit war. Hast du deinen Eltern oder dem Leben verziehen?

Ja. Wie soll ich das sagen? Erst vor 15, 20 Jahren konnte ich das. Als ich für mich bemerkte, dass wir es im Vergleich mit meinem Vater sogar gut hatten, und heute sogar sehr gut, auch dank der sehr strengen Erziehung. Ich sehe heute eher, wie diese mir im Sport oder im Beruf geholfen hat. Da ich selber sehr hart mit mir war, kam ich viel weiter und wurde zäher als andere, welche nie kämpfen mussten. Bei uns hiess es: «Du musst!», wir haben gespurt, sonst gab es Schläge. Nicht, dass ich diese Art der Erziehung verteidigen möchte, doch ich kann die Situation heute differenzierter sehen. Dies war für mich wichtig in der Verarbeitung. Auf dem Rad gab es so viele Momente, welche ich nur meines Willens wegen und einer gewissen Härte mir selber gegenüber überhaupt durchstand. Die Lebensschule, welche ich absolvierte durch meine Erziehung und den Sport, sehe ich heute als Fundament für meine Widerstandskraft, mit welcher ich auch die schwierigsten Lebenssituationen durchstehen kann.
 

Konntest du vom Radsport leben?

Als ich Elite-Amateur war, arbeitete ich noch zwei Jahre. Danach ging das nicht mehr. Durch die paar kleinen Titel, welche ich eingefahren hatte, konnte ich vom Radfahren leben. Ich war im gleichen Team wie Alex Zülle (CH), Jan Ullrich (DE), Fernando Escartín (ESP), wir waren in der obersten Liga. Und als Wasserträger war ich gut bezahlt.
 

Was machst du als Wasserträger genau?

Du gibst den Leadern die Trinkflasche, du fährst mit ihnen mit. Du fährst zurück zum Mannschaftsauto, holst Verpflegung, Kleider, was auch immer.
 

Du warst als Wasserträger im Einsatz während deiner Zeit als Profi?

Ja. Dafür war ich angestellt. Ich war zu wenig gut, um ein Rennen zu gewinnen, aber ich fuhr auch nicht so schlecht, dass ich als einfacher Helfer eingesetzt wurde. Ein Leader gewinnt nur Dank seiner Helfer. Kein Einziger, auch kein Jan Ullrich oder kein Lance Armstrong (USA) hätten ohne ihre Helfer je gewinnen können. Man kann nicht über 250 Kilometer ein Rennen kontrollieren. Man muss sich auf die Etappen konzentrieren, geht in die Attacke, kann nicht selber nach hinten das Trinken holen und danach wieder an die Spitze zurück. Du brauchst das Team.
 

Wie fühlt es sich an als Profi, wenn du dich so unterordnen musst?

Ich wollte mich gar nie in der Rolle des Leaders sehen. Diese Verantwortung ist riesig. Du startest mit einem 35-Millionen-Team an einem Rennen und musst den Sieg einfahren, da hängt alles dran. Da muss man selber mit sich sehr ehrlich sein, ob man diese Leistung bringen kann. Ob man – mental und körperlich – so stark ist, eine Tour de France oder ein anderes hoch dotiertes Rennen zu gewinnen. Der Druck, auch von den Sponsoren, ist so hoch, dass ich dies gar nie wollte. Und trotzdem musste ich diese Rolle plötzlich ausfüllen, als ich Europameister wurde. Ich war der Stärkste während der ganzen Saison, hatte fast alle Stehrennen gewonnen, und dann bestimmte der Radsportverband, dass die Schweiz an die Europameisterschaft geht, mit mir als Leader, die andern mussten also für mich fahren. Ich ging an den Start. Und ich wusste, dass ich gewinnen muss, sonst wären die andern drei Fahrer für nichts gefahren. Die waren alle auch gut, aber mussten sich bei diesem Rennen unterordnen, also hatten keine Chance, aus eigener Kraft zu gewinnen, nur wegen mir. Dieser Druck ist enorm.
 

Und trotzdem hast du damals gewonnen.

Ja, aber von dieser Stunde fuhr ich während 58 Minuten mit einem Puls von über 206 herum, voll am Limit. Ich brauche zwar den Druck, auch heute in meinem Leben. Aber wenn andere sich für mich opfern, ihr eigenes Potential mir unterordnen müssen, und ich bringe die Leistung nicht, dann krieg ich mit mir selbst ein Problem.
 

Dann warst du Europameister, und machtest dir als stark reflektierender Mensch vermutlich Gedanken darüber, wie weit du als Sportler noch gehen könntest, oder?

Das war so. Ich hatte noch einen Zweijahres-Vertrag. Kurz nach dem Titel mussten wir alle Leistungstests machen, den Fettgehalt testen, welche maximale Leistung wir aus unseren Körpern rausholen konnten, Ausdauer etc. Da gab es x Parameter. Die Resultate kamen, der Trainer wertete sie aus und dann wurdest du zitiert. Man sagte mir, alles was erlaubt sei, hätte man schon ausgereizt. Wenn ich weitere Top-Ziele erreichen wolle, müsse ich einiges mehr tun. Und dann fragte ich mich ernsthaft, ob ich mir dies antun wolle, diese Grauzone beschreiten. Ich war zudem auch schon 35. Will ich das oder will ich es lieber sein lassen? Ich zerriss den Vertrag und hörte von heute auf Morgen auf. Ich fuhr lediglich noch das Sechstagerennen von Berlin fertig, stieg am nächsten Tag in den Flieger, und begann bei der Fiat zu arbeiten.
 

Was gab den letzten Impuls zu diesem Schritt?

Dass ich meinem Körper so viel zumuten müsste, mit Hilfe von verbotenen Substanzen, damit es überhaupt weitergehen könnte. Dass das damals so lief, ist bekannt.

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«Es war für mich eine Art Erlösung, als es fertig war.»

Wenn du Profisportler bist, ständig Adrenalin ausschüttest, um die Welt reist, auf Tribünen stehst, bejubelt wirst, Wertschätzung erhältst für all die Entbehrungen, welche du auf dich nimmst – und plötzlich fällt das alles weg. Wie war das für dich?

Ich habe es nicht bereut. Weil es ein Moment war, in dem ich wusste, dass ich auf meinem Zenit angekommen war. Ich hätte noch ein, zwei Jahre weiterträumen können, aber ich wäre aus eigener Kraft nicht mehr weitergekommen. Ich merkte ja auch, wie ich immer mehr trainieren musste, um das Niveau halten zu können. Im letzten Jahr meiner Radsport-Karriere sass ich 31'000 Kilometer im Sattel für Trainings. Das macht müde, auch mental. Du bist ständig dran, zu suchen, wo noch ein Quäntchen mehr geht. Die Zitrone war ausgepresst. Es war für mich eine Art Erlösung, als es fertig war.
 

Du hast dich nicht mehr frei gefühlt?

Nein, ich hatte ständig Verpflichtungen. Flog hierhin und dorthin. Einmal ging es nach Montréal (CAN) an ein Rennen, und kaum war ich zurück in der Schweiz, hiess es, umpacken und den nächsten Flieger besteigen für die Japan-Rundfahrt. Es war schön, top, die beste Lebensschule. Aber mit 35 musste ich einfach sagen, jetzt ist auch mal gut.
 

Wie reagierten deine Eltern auf deinen Weg vom einfachen Bauernsohn zum gefeierten Europameister?

Sie waren sehr unterstützend. Anfangs nicht, weil sie wollten, dass ich «richtig arbeite». Aber als ich schnell an die Spitze fuhr, waren sie stolz. Vor allem, wenn es ab und zu einen kleinen Zeitungsartikel gab. Das war für sie wohl auch eine Art Genugtuung.
 

Und für dich?

Für mich auch.
 

Du wirkst sehr bescheiden. Hast du dir selbst das Gefühl des Stolzes zugelassen?

Nicht unbedingt. In den Momenten selbst hatte ich schon Freude. Die Europameisterschaft zum Beispiel war speziell. Es war das 100-Jährige der Radrennbahn Forst, weit oben, fast an der polnischen Grenze. Da gab es einen Lokalmatador, Carsten Podlesch, x-facher Weltmeister, und ich schlug ihn auf seiner Bahn. Da gab es auch ein Buch dazu, das machte mich stolz. Aber gegen aussen möchte ich das gar nicht zeigen. Ich war bezahlt dafür, ich arbeitete für einen Arbeitgeber, es war mein Beruf. Ich sah es als «normale Leistung».
 

Wenn du siehst, wie gross der Personenkult heute ist, was für Stargehälter die Profis haben, wie ist das für dich?

Ich finde es total übertrieben – absolut daneben. Es tut mir leid, wenn ich das so ehrlich sage, aber der Sportler ist ein Mensch, welcher eine Leistung bringt, und klar ist seine Profi-Zeit begrenzt und er versucht, das Beste aus sich rauszuholen, aber trotzdem sind diese hohen Gehälter von einer Million und mehr nie und nimmer gerechtfertigt.
 

Was löst es bei dir aus, wenn du von schlimmen Unfällen hörst, weil immer schneller gefahren und mehr Risiko eingegangen wird?

Das Risiko ist ja immer da, wo Geschwindigkeit im Spiel ist. Ich habe wirklich viele Unfälle gesehen, Stürze, Kollegen, welche sich verletzt haben oder sogar gestorben sind, das ist bitter. Da kriege ich Gänsehaut. Man muss sich vorstellen, du hast nur dein Rad und sonst nichts. Radfahrer sind absolut ungeschützt, und trotzdem sind wir mit Geschwindigkeiten unterwegs wie Autofahrer.
 

Wie bist du mit dieser latenten Gefahr umgegangen?

Ich war hart im Nehmen. Einmal fuhr ich eine Rundfahrt, bei der ich Leader war, mit gebrochenem Schlüsselbein zu Ende, zwei Tage.
 

Wie hast du den Schmerz besiegt?

Mit einem Schmerzmedikament und einem Tape. Ich habe während meiner Profikarriere auch einige Fahrradhelme zerbrochen. Wenn ich mal stürzte, dann waren die Helme danach kaputt, manchmal zweigeteilt. Die Gefahr fuhr immer mit.
 

Was waren die schnellsten Geschwindigkeiten, mit welchen du auf dem Fahrrad unterwegs warst?

113km/h den Grossglockner (3’798 Meter, höchster Berg Österreichs) runter. Vier Minuten hinter mir war die nächste Gruppe und 15 Sekunden vor mir die Spitzengruppe. Da wusste ich, es gab nur eines: Fahrenlassen.
 

Hattest du keine Angst?

Doch. Ich hatte grosse Angst. Der Mechaniker, welcher am Abend das Fahrrad putzte und die Aufzeichnungen ablas, sagte: «Du, so schnell warst du aber noch nie unterwegs.» Das war ein Moment, in dem das ganze Fahrrad vibrierte. Vor 25 Jahren waren die Räder noch nicht so stabil wie heute. Wir hatten noch keine Carbon-Rahmen. Eine Geschwindigkeit wie auf einer Autobahn, aber ohne Schutz.

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«Du musst irgendwann abschliessen und weitergehen

Bist du dem Radsport noch verbunden?

Nein.
 

Du schaust auch keine Rennen mehr?

Ich schau noch die Tour de France, ab und an. Aber nur noch die Zusammenfassungen, ich setz mich nicht mehr vier, fünf Stunden vor den Fernseher.
 

War das Teil deiner Verarbeitung?

Ja. Es war ein Lebensabschnitt, an welchen ich mich nicht klammern wollte. Die ganze Zeit, welche ich jahrelang investiert hatte, da kannst du nicht ständig darüber nachdenken. Du musst irgendwann abschliessen und weitergehen.
 

Du hast als Profi aufgehört und nahtlos in deinem neuen Job gestartet. Warum hast du dir dazwischen keine Zeit gegönnt? Warum hast du diesen radikalen Schnitt gemacht?

Ich hatte zwei, drei Kollegen, welche nach der Karriere diese während eines Jahres ausklingen liessen. Und sie stürzten komplett ab.
 

Inwiefern?

Der eine betäubte sich mit Drogen und sein Leben entglitt ihm völlig, auch ein anderer nahm jahrelang verbotene Substanzen, verübte einen Suizidversuch und verstarb kurz darauf. Du bist auch nach der Aktivzeit noch so voll Adrenalin und das Training fehlt. Für mich war klar: Ich musste von einem Extrem ins andere. Zu lange überlegen bringt nichts. Ich musste mich ablenken.
 

Half dir dabei auch die Resilienz, welche du dir in deiner Kindheit angeeignet hattest?

Oh ja. Wenn ich mein Leben nochmals leben müsste, würde ich es nicht anders wollen. Ich beobachte, wie viele Jugendliche sich gehen lassen, weil sie einfach nichts müssen, weil sie überfordert sind ohne Strukturen, das ist doch viel schwieriger. Mein Vater war ein Verdingbub. Er hatte acht Minuten Zeit zum Essen, und wenn ers nicht schaffte, gaben sies den Säuen. Das hat auch uns Kinder mitgeprägt.
 

Du hast in der Mitte des Lebens einen radikalen Umbruch erlebt. Wie schwierig war es, dir nach der Sportkarriere einen neuen Lebensinhalt zu geben?

Als ich aus dem Flieger stieg, vollzog ich einen kompletten Wechsel in ein neues Leben. Ich kam aus Berlin, stellte zu Hause meinen Koffer ab, duschte, ging schlafen und am nächsten Tag begann ich bei der Fiat, einem meiner langjährigen Sponsoren. Ich stand im Showroom und dachte: Was mache ich hier? Aber ich wusste, dass dies jetzt mein neues Leben sein würde. Ich wurde zwei Tage eingeführt in die Besonderheiten des Autoverkaufs – ich hatte keine Ahnung davon. Das war wie Tag und Nacht. Vorher der durchdefinierte Tagesablauf, du weisst, wann du trainierst, wann du isst, wann du in die Massage gehst, wann du schläfst. Und dann musst du deinem Tag selber eine Struktur geben. Ich brauchte dafür den ersten Monat. Nach sechs Wochen verkaufte ich mein erstes Auto. Und dann kam der Ehrgeiz. Ich wusste, das ist jetzt mein Job bis zur Pension. Denn viele Möglichkeiten hatte ich auch gar nicht. Nach der Automechanikerlehre wollte ich ans Tech, aber meine Eltern konnten sich das nicht leisten. Mit dem Radsport verdiente ich zwar, wurde aber nicht Millionär. Und dann hast du plötzlich einen «richtigen Job» und bist dir bewusst, dass du dir damit nun etwas aufbauen musst. Ich wusste auch gar nicht, was es braucht, damit die Menschen zu mir kommen, um sich ein Auto zu kaufen.
 

Was braucht es?

Das Wichtigste ist ein selbstbewusstes Auftreten, anständig und zuvorkommend sein, nicht überheblich. Und – ganz wichtig – Kenntnisse über das Auto und den Beruf haben. Es gibt immer wieder Menschen, welche denken: Ich kann hier auf den Platz stehen und Autos verkaufen. Und dann sind sie irritiert, dass niemand kommt. So einfach ist es nicht.
 

Wurdest du – gerade auch in der Anfangszeit – häufig angesprochen auf deine Radsport-Karriere?

Ja. Sehr häufig! Und ich verkaufte sehr vielen ehemaligen Kollegen ein Auto (lacht).
 

Was hast du dir damals für ein Ziel gesetzt?

Ich sah, wie mein Kollege Autos verkaufte und ich wusste sofort: So möchte ich es nicht tun, ich will es besser machen. Er sagte ständig zu seinen Kunden: «Heute habe ich keine Zeit, komm Morgen wieder!» Früher war es so, dass bei der Fiat die Menschen Schlange standen, wenn ein neues Modell rauskam. Das führte bei manchen Mitarbeitern zu einer Überheblichkeit, das gefiel mir nicht. Ich wollte mehr verkaufen, aber besser.
 

Du standest also auch abends und am Wochenende auf dem Platz?

Genau. Und so überholte ich meinen Kollegen im zweiten Jahr, weshalb ich im Hauptsitz in Turin wahrgenommen wurde, weil ich so viele Autos verkaufte. Man beförderte mich in eine leitende Funktion, überliess mir den Occassionsplatz in Genf. Ich mochte Titel aber nie, wollte immer nur, dass «Gebrauchtwagenverkäufer» auf meiner Visitenkarte stand.
 

Wie kamst du zur Binelli Group?

UL-Mitglied Roberto Casari holte mich aus der Westschweiz, in die ich während vier Jahren hin- und herpendelte. Am Montag fuhr ich jeweils um 4 Uhr los, um dort um 7 Uhr anzufangen, lebte in einem kleinen Hotel mit Etagendusche und -Toilette. Ich war damals als Direktor angestellt bei einem Betrieb, welcher auch BMW und Mini im Angebot hatte, aber wie du weisst sind Titel für mich nicht von Bedeutung. Bei der Binelli Group ist alles viel familiärer und gelassener, obwohl der Stressfaktor sehr hoch ist.
 

Fuhrst du nach deiner Sportlerkarriere noch Rad?

Während den ersten drei Monaten setzte ich mich nicht mehr aufs Fahrrad. Ich wollte nichts mehr davon wissen. Danach musste ich, denn mein Körper rebellierte. Durch das viele Training waren mein Herz und meine Lungen vergrössert. Da ich von einem Tag auf den andern nicht mehr trainierte, klappte ich im Showroom zusammen. Das war zu radikal. Da begann ich mein Herz abzutrainieren, meine Muskeln, das Lungenvolumen ging zurück. Dieses intensive Training mit ärztlicher Begleitung dauerte insgesamt zwei Jahre.
 

Eigentlich hättest du diese Reaktion deines Körpers als Profi kennen sollen, oder?

Ja, aber als Sportler denkst du sowieso, dass du alles besser weisst, was deinen Körper anbelangt. Aber es ist schon so: Du kannst ihr nicht von einem Extrem ins andere fallen lassen. Es wurde mir schwindlig, und ich bin zusammengebrochen. Der Stoffwechsel funktionierte auch überhaupt nicht mehr. Ich musste meinen Körper entgiften. Gleichzeitig habe ich in dieser Phase viel gelernt.

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«Viel zu viele Autos stehen auf dem Platz. Das macht mich unruhig

Du bist auf einem Bauernhof aufgewachsen, im ländlichen Gstaad (BE). Heute lebst du am Stadtrand von Zürich. Fehlt dir das Landleben nicht, die Weite, der Duft nach Heu?

Ich habe das Glück, dass ich neben einer Landwirtschaftszone lebe. Da sind Wiesen und Felder, ich sehe sogar in die Berge. Aber wenn ich nach Hause fahre, nach Gstaad, dann merke ich schon, dass mir etwas fehlt. Das ist Heimat.
 

Wie hat sich eigentlich das Verhältnis zu deinem Bruder verändert, nachdem du mit deiner Radsportkarriere so Erfolg hattest?

Die Hierarchie wurde wieder zurechtgerückt, auch wenn ich zwar weiterhin nicht der «grosse» Bruder war. Er fand es cool, was ich mache, kam ins Training mit.
 

Erlaubst du dir heute selber, was dir deine Eltern als Kind nicht erlaubt haben?

Nein, ich kann das nicht. Ich bin tatsächlich sehr streng mit mir selber. Im Umgang mit meinen Mitmenschen viel zu lieb. Aber mit mir gehe ich hart ins Gericht.
 

Warum?

(Überlegt lange) Das kann ich gar nicht sagen. Ich möchte einfach nicht so werden, wie mein Vater war. Er war Alkoholiker, und streng. Gegenüber meinen Arbeitskollegen möchte ich fair und loyal sein. Manchmal bin ich zu weich. Dann nerve ich mich abends jeweils, dass ich bei anderen zulasse, wo ich bei mir so selbstkritisch bin. Ich bin auch nie zufrieden. Wir hatten das beste Resultat der Occassionsverkäufe bei der Binelli Group, aber wenn ich hier rausschaue, dann sehe ich eine Katastrophe. Viel zu viele Autos stehen auf dem Platz. Das macht mich unruhig. Ich bin mit mir nicht zufrieden, weil ich meines Erachtens meinen Job zu wenig gut gemacht habe.
 

Obwohl es das stärkste Jahr deiner Abteilung war?

Ja. Ich finde, ich hätte noch viel mehr verkaufen müssen. Da hadere ich ab und zu mit mir. Da können alle sagen, wir haben doch jetzt Corona oder dies oder das. Das interessiert mich nicht, weil ich meine Meinung bereits gemacht habe.
 

Was hast du für ein Leben neben deinem Job?

Da kann ich mich kurzfassen. Ich beginne frühmorgens und arbeite bis am späteren Abend. Dann mache ich noch Sport, lese und bin im Bett.
 

Du hast kein Privatleben?

Nicht gross, nein.
 

Möchtest du auch nicht?

Doch, ich muss beginnen, es mir einzurichten. Ein Schritt, den ich mir zugestehen möchte.
 

Warum ist dies für dich so schwierig?

Ich war eigentlich immer zufrieden, wie es ist, habe nichts vermisst. Aber nun denke ich, dass es nicht mehr so lange geht, bis meine Zeit hier auf der Welt zu Ende geht. Und ich möchte nicht erst mit 70, 75 Jahren – falls ich dieses Alter überhaupt erreiche – zu leben beginnen.

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Hanskurt «Hausi» Brand, 55

Leiter Vertrieb Gebrauchtfahrzeuge

Welches Auto passt am besten zu deinem Charakter?

«Der X6. Ich mag seine aussergewöhnliche Form. Aber wichtiger ist, welches Auto mir am besten gefällt: Eines, das verkauft ist.»

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